Vor dem Fest

Der abiturrelevante Roman „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić erzählt mosaikartig das Geschehen im fiktiven Dorf Fürstenfelde in der Nacht vor dem Annenfest. Liebenswerte, verschrobene Charaktere bevölkern das Dorf, wie Herr Schramm, der lebensmüde eine letzte Zigarette rauchen möchte, und die Künstlerin Frau Kranz, die das Dorf endlich mal bei Nacht malen will, die junge Anna, die eine Runde durch das Dorf läuft, bevor sie es verlässt, Johann, der sich auf seine Glöcknerprüfung vorbereitet, die Glocken aber scheinbar ein Eigenleben führen, eine Fähe, die Eier für ihre Welpen stehlen möchte.

Der Roman inspiriert zu eigenen Geschichten.

Es entstehen beim Lesen Fragen, z.B.  was Frau Schwermuth eigentlich im Haus der Heimat treibt und welche Geheimnisse das Archivarium birgt. Und dabei bleibt das Geschehen, das skuril oder absurd, humorvoll und doch auch tiefgründig dargestellt ist, nicht auf das Hier und Jetzt und die Bewohner des Dorfes beschränkt.

Was soll die Speisekarte, welche Bedeutung hat der Psalm, wie ist die Aufforderung „sei heldisch“ zu verstehen? Der Leser wird herausgefordert und erfährt bei genauem Lesen sehr viel mehr, als das, was die Bewohner und die Geister der Vergangenheit tun und denken. Fast kriminalistisch begibt sich der Leser auf eine Reise, die Geschichten zu entschlüsseln, Einschüben einen Sinn zu geben, Zusammenhänge herzustellen, Geschehnisse zu entwirren und findet doch kein Ende.

„Wir sind interessiert.“-  Zu diesem Ergebnis kam der Deutschkurs der Klasse BG 16 C, nachdem er sich intensiv  mit dem Roman „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić   auseinandergesetzt hat. Das Interesse beschränkte sich dabei nicht nur auf das Buch selbst oder die Online-Plattform zum Buch (www.fuerstenfelde.de). Die Klasse war auch interessiert, der eigenen Kreativität Raum zu geben und Herrn Stanšićs Äußerung ernst zu nehmen, Fan-Fiction als Möglichkeit einer Weiterentwicklung von Geschichten, Figuren oder Motiven anzusehen (vgl. Interview im „Literaturcafe.de“ anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises 1014).

1. Und Herr Schramm, ehemaliger Oberstleutnant der NVA,

dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz als Landmaschinenmechaniker, -fahrer, sowie Putzkraft bei von Blankenburg Landmaschinen steht vor der unwahrscheinlichen Frau Mahlke und starrt sie an.

Frau Mahlke trägt diesmal eine nicht ganz so enge Hose, steht ihr gut.

„ Wilfried, soll ich dir jetzt eine Zigarette drehen oder willst du mich weiter anstarren?“

„Ja“.

Herr Schramm folgt Frau Mahlke in die Wohnung. Die Wohnung ist klein, stickig und riecht ein bisschen nach Frau Mahlke. Im Schnitt sollte man pro Tag im Sommer 12-15 Minuten lüften, wegen der verbrauchten Luft und so. Das macht Frau Mahlke bestimmt nicht, denkt Herr Schramm. Er setzt sich auf einen Stuhl, der beim Hinsetzen knarzt. Scheiß IKEA Möbel, denkt Herr Schramm. Im Schnitt besteht jeder vierte Haushalt zur Hälfte aus IKEA Möbeln.

„Kaffee?“

Herr Schramm überlegt. Von Kaffee wird er immer ganz wach und kann nicht schlafen. Dann muss er immer denken. Das mag er nicht.

„Ach komm, hab dich nicht so, ich mach dir jetzt einen“, sagt Frau Mahlke.

Frau Mahlke setzt den Kaffee auf, holt ihr Drehzeug und setzt sich gegenüber von Herr Schramm. Er guckt ihr dabei zu, wie sie mit flinken Fingern den Tabak einrollt. Das macht sie bestimmt schon länger, wegen den gelben Fingern, denkt Herr Schramm. Beim Anlecken der Zigarette wirft Frau Mahlke Herrn Schramm einen Blick zu. Ein bisschen sehr anzüglich, denkt er. Sie übergibt ihm die Gedrehte. Herr Schramm bedankt sich. Er holt sein Feuerzeug raus, zuerst zündet er ihre Zigarette an, dann seine. Beide ziehen genüsslich an ihren Zigaretten und sagen nichts. Ein unangenehm hoher Ton ertönt und bricht die Stille.

„Der Kaffee ist fertig“, sagt Frau Mahlke und kommt mit zwei gefüllten Tassen wieder. Herr Schramm nippt an seinem Kaffee, verbrennt sich und kleckert auf sein Hemd. „Ja sag mal“.

„Nicht schlimm, zieh es aus, ich wasche und bügle es. Ich mag ja bügeln.“ Herr Schramm überlegt. Sonst kleckert er nie. Warum zittert er? Er weiß es nicht.

Jetzt sitzt er nur noch in Unterhemd in Frau Mahlkes Wohnung.

„Willst du überhaupt noch was sagen oder wollen wir uns weiter anschweigen?“

Herr Schramm überlegt.

„Ich mag Fledermäuse und den Skispringer Jens Weißflog.“

„Jens Weißflog? Von dem habe ich letztens was gehört!“

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Wir sind froh, denn Herr Schramm will doch nicht mehr ganz so tot sein.

- Sandy-E. M.-

2. Viele Geschichten beginnen mit dem Anfang.

Diese ist eine von denen, die mit dem Ende starten und sich dann irgendwie selbst erklären. Oder auch nicht. Das nennt man dann nicht roter Faden, sondern rote…Beete…oder so. Das kommt eben dabei raus, wenn jemand eigentlich keine Geschichte hat oder keine haben will.

„Du kannst jetzt reingehen Viteć", sagt die Frauenstimme aus dem Lautsprecher über dem tropfenden Wassertank, der der spärlichen Besetzung des Wartezimmers als Offert dienen möchte. Sie klingt genervt. Viteć klopft den Rest von einer Idee für ein Frühstück von seinem einzigen Kleidungsstück. Nun ja, einem seiner jeweils einzigen Kleidungsstücke. Auf jeden Fall einteilig. Es klebt. Schmeckt nach Pudding. Aber heute auch nach „Release". Ein paar Schritte noch. Ein Fehlgriff. Nein doch nicht. Diese Tür hat keine Klinke. Ihre Automatik summt kurz und leise. Dahinter Gold, Platin, Erfolg. Bevor die Person hinter dem überdimensional extravaganten Schreibtisch, die fast den selben Hautton hat, wie der Ledersessel, in dem sie sitzt, auch nur darüber nachdenken kann, die Security-Bären zu rufen, knallt Viteć den Koffer vor ihr auf die Marmorplatte. Sie bricht. Der Koffer auch. Darin ein Karibiktraum aus Lila. Oder eben Plattenvertrag. Überraschte Produzentenaugen. „Heilige…wo kommen die Mäuschen denn her?" Viteć schweigt. Lässt Kapital sprechen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn dieser kommt gerade durch die Tür gestürmt, um die neue Studio-Timetable zu checken. Überraschte Rapperaugen. Kurze Stille. Nicht lange genug, um durchzuatmen. „Glückwunsch Brat! Deine Texte sind trotzdem scheiße." Und schon verlassen Gucci-Cap, Goldkette und nagelneue Adidas-Treter wieder den Raum. Viteć muss schmunzeln. Die Adidas waren nicht nur nicht limitiert, sondern auch noch gefälscht. Da macht ihm keiner was vor. „Wo er recht hat, hat er recht." Glänzende Produzentenaugen über Geld. „Aber wenn du unbedingt willst, bekommst du deine Studiozeit."

Genau sechs Monate ist es jetzt her, dass der „Besuch" in der Sparda-Bank in Prenzlauer Berg auf so fundamentale aber sensationelle Weise schiefgelaufen war. Fundamental, wie es Daniels ausgedrückt hatte. Sensationell, wie es die Mopo gedruckt hatte. Daniels war geschnappt worden. Schon nach zehn Metern. „Ein par Mecces-Besuche wenijer würden dir janz jut tun!" hatte seine Mutter viel zu oft aber dennoch vergebens gesagt. Viteć hatte es geschafft. Die Fahndung wurde schnell eingestellt. Versuch mal den richtigen schmuddeligen Typen im Trainingsanzug in Prenzlauer Berg zu finden. Da ist es leichter, die, mit dieser Art von Vergleich mittlerweile verheiratete, Nadel im Heuhaufen zu finden. Mit dem Geld hätten sie endlich ihre Schulden begleichen können. Natürlich trotzdem eine blöde Idee. Genug Geld war an diesem Dienstagvormittag auch nicht zu holen gewesen. Nur Daniels Rucksack hatten sie voll bekommen. 5er und 10er. So hatten sie sich das nicht vorgestellt. Auch nicht, dass jemand eine Softair P90 von einer echten P90 unterscheiden könnte. Wie auch immer. Trost-Döner für Viteć und Daniels Mutter. Ein Jahr „Lebensüberdenkzeit" für Daniels.

Hätte Viteć vorher gewusst, dass er nur eine Woche später mit seinen besoffen gesetzten 10€ auf die Tippico-Dreier-Kombi 5:0 für Herta gegen Bayern, 1:6 Dortmund, HSV und 4:4 FC Köln gegen Schalke richtig liegen würde, wäre er das Risiko natürlich niemals eingegangen. Aber nachher ist man immer schlauer. Quote 1:63.000. Gewinn 1,8 Millionen Euro. Stellt euch das mal vor. Und dann kein Giro-Konto. In der Tippico-Zentrale hatten sie sich dann letztendlich doch überzeugen lassen, den Gewinn in bar auszuzahlen. 18 Bündel a zweihundert 500€-Scheine und ein eleganter Lederkoffer. Quadratisch, praktisch, steinreich.

Aus Berlin war er dann aber doch abgehauen. Nur bis Gras über die Sache gewachsen wäre. Abgehauen zwar nicht vor der Polizei, aber vor dem gut ausgerüsteten Schatten, den er hatte, seit Daniels Mutter aus dem dritten Stock gerufen hatte: „Lass dem Denny dit ruhig ne Lehre sein. Aber mir könnste mal ne Woche Mallorca finanzieren!" Zuerst Bahnhof Berlin Ost-Kreuz. Dann schwarz nach Templin. Oma besuchen. Von da aus getrampt, weil er sich immer noch verfolgt fühlte. Zwei Typen sammelten ihn an einer Raststelle ein und dann Felder. Wasser. Felder. Renovierungsbedürftige Häuser. Wälder. Renovierungsbedürftige Menschen. Die beiden waren freundlich, wollten helfen. Wollten Geschichten erzählen. Wollten Geschichten hören. Viteć aber keine erzählen. Also fingen die beiden an, zeitvertreibend zu freestylen. Das gefiel Viteć noch weniger, bis er die, für einen schmalen Typen mit einem schicken Lederkoffer voll Geld, unüberlegte Entscheidung traf, den beiden „möchte-gern-Rappern, eine Punchline zu scheppern, um ihr Ego zu zerdeppern“. Das nächste, an dass er sich später erinnern konnte, war der Geruch von frisch verlegtem Teer und die Nachricht in seinem Handy, wo sein Geld zu finden wäre.

(Rasmus L.)

3. Wohlverdiente Ferien

Alle Häfen Deutschlands besuchen. Davon träumte der Fährmann aus Fürstenfelde seit er ein Knabe war. Die großen, wie die kleinen.

Die vor Schmutz und Rost stehenden, die bloß noch von klapprigen Fischerkähnen angesteuert wurden, sowie die blank geputzten Kreuzfahrtschiffgaragen, die an einem Tag mehr Menschen kommen und gehen sahen, als eine Hamburger Bordsteinschwalbe im Laufe ihrer gesamten Karriere.

Hamburg stand im Übrigen ganz oben auf seiner Liste. Ein Reeperbahnbummel, einen alten Bekannten besuchen, ein traditionelles Labskaus essen. Danach vielleicht Bremen. Oder Kiel. Hauptsache es gab dort Wasser, einen lauschigen Ort, an dem er sitzen und rauchen und jede Menge große Boote beobachten konnte, die aus aller Welt vorbeizogen und ein Stück ferne Luft mitbrachten.

Wohlverdiente Ferien von seinem schnöden Alltag im Dorf, das so weit ab vom Schuss lag, dass selbst die Ochsen vor lauter Tristes zum Sterben ins Wasser gingen. Er war einfach gegangen. Ohne ein Wort des Abschiedes. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Sie hätten ihn bloß aufhalten wollen. Immerhin war Annenfest. Diese alljährliche, sich ständig in sich selbst wiederholende Tradition, die ihm schon seit mindestens einem ganzen Jahrzehnt furchtbar auf die Nerven ging und doch immer und immer wieder von den Dörflern zelebriert wurde, um damit ihrer verqueren Geschichte zu frönen. Eigentlich mochte er diese verrückten Menschen. Meistens jedenfalls. Und er hatte sich stets all ihren seltsamen Bräuchen und Anwandlungen gebeugt… bis jetzt.

Wenn er eines Tages Heimweh bekäme, würde er zurückkehren und die Gerüchte um sein Ertrinken auflösen und ihnen somit ein Stück ihrer heiligen Ordnung zurückgeben. Doch bis dahin würde er seine Freiheit genießen. Er würde sich große Boote ansehen, rauchen, sich mit Fremden über dies und das unterhalten und keinen Gedanken daran verschwenden was hinter ihm lag.

Wohlverdiente Ferien eben.

(Lennard W.)

4. WIR WUNDERN UNS selten.

Zwei Seen, keine Fische. Wenn Du nur tief genug tauchst findest du drei Autos. Zwei gehörten Lada. Das sagt er zumindest. Wir wissen nicht, wem das Dritte gehört. Wir sind daran wenig interessiert.

Uns interessieren nicht die Touristen, die sich mit vollgepackten Picknickkörben auf karierten Aldi-Klappschemeln zum Angeln niederlassen. Uns interessieren ein bisschen die drei Fische, die vergangenes Jahr tot auf dem großen See trieben. Drei tote Fische. Keine Schwangeren. Zwei Seen. Keine Fische, viele Angler. Wir wundern uns selten.

Wir finden es gut, wenn Frau Schwermuth schwimmen geht. Frau Schwermuth findet es gut, wenn Frau Schwermuth schwimmen geht. Frau Schwermuths Gesellschaft tut gut.

                Leih der Stille dein Ohr.

Der Bofrostmann ist uns sympathisch. Er beliefert das Gleis 1. Draußen steht dort seit wir denken können eine Tageskarte, die Surf ´n´ Turf für 14,90 Euro anbietet. Uns schmeckt der Seeteufel. Zwei Seen und ein Bofrostmann.

(Kira S.)

5. Frau Reifs Kinder

Unter einem Apfelbaum im Frau Reiffs Garten stehen zwei Gestalten. Eine ist Frau Reiffs Tochter, die andere kennt sie auch nicht. Wir kannten ihn sehr gut.

Außerdem machen ihr neue Gestalten ja nichts aus. In ihrem Haus sind immer mal wieder neue Gestalten zu sehen, ob nun Menschen oder Geister.

Mit ihrem Kater im Arm steht Frau Reiff am Fenster. Was sie sehen kann, sehen wir auch, was wir ahnen, kann sie nicht wissen.

Sie braucht aber keine Angst zu haben. Das weiß auch sie seitdem sie in Fürstenfelde wohnt.

Frau Reiffs Tochter findet die Apfelbäume gut. Sie zeigt mit dem Kopf zu den Äpfeln. Die andere Gestalt reicht ihr einen Apfel und lächelt voller Hoffnung. Sie nimmt es nicht an. Stattdessen isst sie sich selbst auf.

Frau Reiff kann die drei kommen hören. Das beunruhigt sie. Johanna sollte ja nicht denken, sie hätte mit dem Geschehenen zu tun.

Sie lässt den Kater raus.

(Sara A., Malin M.)

           6. IM JAHR 1612,

den 1. Jänner ereignete sich der Fund dreier Koi-Karpfen auf dem gefrorn Gewässer des grossen Sees.

(Kira S.)

7. Manche sagen, er ist klug.

Manche sagen, er ist dumm. Wir wissen: Er ist stumm. Von Geburt an. Suleymann, genannt Suzi.

Wir wissen nicht, warum er diesen Namen trägt. Passt nicht hierher, sagen einige, die man ja sowieso in ihrer Gesinnung fragwürdig findet. Bei den Eltern, kein Wunder, sagen die anderen. Die Mutter, die als Hausfrau weniger Staub wischt als Telenovelas schaut (die kennt sie alle!). Der Vater Einzelgänger. Wie das bei Schäfern so ist. Im Nebenjob Kämmerer – braucht man halt - aber viele Freunde findet man damit nicht. Insbesondere nicht, wenn man kaum spricht. Manche sagen, der Suzi hat das vom Vater geerbt. Naja, Biologie ist auch nicht jedermanns Sache.

Der Suzi ist von klein auf mit dem Vater mit, mal bei den Schafen, mal bei der Ungeziefer-Vernichtung. Ob das so gut ist, für einen kleinen Jungen? Wir wissen es nicht. Seltsam ist er schon, der Suzi, aber zuverlässig. Das sagt Gölow auch. Der ist immer da. Kannst Dich drauf verlassen. Und tierlieb ist er auch. Kann gut mit den Schweinen, sagt Gölow. Na, also!

Hat sich tätowieren lassen, erst einen Wolf, zusammen mit seinem Freund Lada. Ist schon ein paar Jahre her. Dann kam dieser Drachen. Schlängelt sich von der Stirn über die Seite um den Hals zum Schulterblatt. Wir sind erschrocken. Wir sind irritiert.

Ja, merkwürdig ist er schon der Suzi. Kann stundenlang am Wasser stehen und angelt. Aber immer freundlich. Das muss man schon sagen. Ist ja auch nicht einfach so stumm durch die Welt zu gehen.

Wir beobachten Suzi beim Angeln und manchmal fragen wir uns, was er sonst noch tut.

Da ist Magdalena von Blankenburg. Sie macht Yoga wie jeden Morgen. Dann holt sie ihren Eichendorff raus – und liest. Sie weiß, dass Suzi drüben steht und angelt. Spürt seine stumme Gegenwart und lächelt in sich rein. Suzi wartet. Er kann gut warten, auf die Fische, die vorsichtig um seinen Haken schwimmen. Sie kennen das schon und wissen, je später sie beißen, umso länger kann Suzi Magdalena beobachten. Sie sind so rücksichtsvoll. Aber Suzi kann eben gut mit Tieren.

Einmal vor vielen Jahren ist sein Vater aufs Schloss beordert worden, es gab wieder mal ein Problem mit den Mäusen. Mäuse haben wir ja viele. Zu viele sagen einige, zu viele meinte auch Poppo von Blankenburg. Dem kleinen Suzi kamen die Tränen, als er all die toten Mäuse sah. Seitdem geht er lieber angeln, als mit seinem Vater auf Mäusejagd.

Suzi lächelt während er auf die Angelschnur blickt. Er hört sie wispern. Sie erzählen ihm Geschichten. Vom Zauberdrachen Suleymann, der kam, um sie zu retten.

Wir haben ein Mäuseproblem.

(Annette M.-H.)

8. Archivarium

Viele Geschichten und noch mehr Vergangenheit verbergen sich hinter meiner Tür. Doch sehen tut sie nur die EINE, die, die sie in der Wahrheit verdreht und vor dem Dorfe versteckt.

Selbst wenn sie allen verspricht, dass sie jetzt was zu sehen bekommen, räumt sie mich leer und verhüllt die Wände. Dieser Tag war nicht nur für die Leute eine echte Enttäuschung, sondern auch für mich denn so LEER wie da war ich bestimmt noch nie, alles weg -  bis auf einen kleinen Text, der trotzdem noch eingeschlossen war, war ich leer.

Meine Tür besteht zwar nur aus ganz einfachem Holz, dennoch ist sie mit dem besten, teuersten und neusten elektronischen Schloss gesichert, das eigentlich so einiges verhindern soll. Doch eines späten Abends, zu später Stunde, dann genau, dann gelang es zwei ominösen Gestalten aus meinen Mauern zu fliehen, die so unüberwindbar schienen.

Doch wie?

Das eigentlich so teure, sichere Schloss schien außer Kraft gesetzt zu sein und die leichte alte Holztür ließ sich ganz einfach öffnen, das sah ich noch nie.

Wo wir doch grad bei diesem Thema sind, fällt mir ein, was ich ganz vergessen hab euch zu erzählen. Denn hinter der Tür, in den Mauern, so sicher, kühl, dunkel und unüberwindbar gelagert, befinden sich alle alten Seelen der Vergangenheit eingeschlossen. Ihr wollt mir sicherlich nicht glauben, doch es ist so!

Alle sind lebendig und das nicht nur in den Geschichten, sondern echt aus Fleisch und Blut, mit Beinen und Haaren, Augen und Mund.

Wirklich kaum zu glauben, aber dennoch wahr.

Selbst als einer des Dorfes hinter meiner Mauer, verlassen und dunkel eingeschlossen ist, wird er verwechselt mit einem der Gestalten, die ihn gar nicht beschreiben.

Aber jetzt zurück zum Anfang!

Hinterlistig und schurkenhaft, das waren sie damals in alten Geschichten und Erzählungen. Wen ich meine, wisst ihr gleich.

Denn sie schafften das Unmögliche, sie zusammen stahlen die Glocken aus dem Turm der Kirche. Heute versuchten sie es wieder und wie jeder zu wissen vermag, der die alten Geschichten kennt, schafften sie es auch dieses Mal.

Genannt wurden sie Hinark und Kunibert, doch heute Nacht kamen sie wieder, mit anderem Namen.

Manchmal nett und hilfsbereit, halfen sie heut einer holden Maid.

Doch eine Frage bleibt und zwar, wer die beiden sind und ob sie bleiben.

Doch ihrer Geschichte gaben sie hiermit einen Rahmen, denn mit Q und Henry machten sie sich heut einen neuen Namen.

(Michelle Q.)

9. WIR SIND VOLLER TATENDRANG.

Wir wollen die Glocken zurück an ihren Platz bringen. Die Sonne geht im schimmernden Rot über dem großen See auf. Johann will seine Glöcknerprüfung ablegen.

Johann und seine Mutter trommeln alle zusammen, seinen Vater, Lada, Suzi, Frau Kranz, Anna, Herrn Schramm zusammen mit Frau Mahlke, Ulli, Herrn Gülow und Herrn und Frau Zieschke. Wir versammeln uns um die Glocken auf der Promenade. Wir entwickeln einen Plan im lauten Durcheinander, nur Suzi steht da und schaut auf die halb abgetretene Autospur. Lada durchbricht das Durcheinander: „Ey, wir brauchen nen Wagen um die Dinger zu transportieren. Suzi und ich haben nen Rollwagen in Eddies Garage gefunden. Wir holen´s“, und stößt Suzi aus seinen Gedanken. Ein Nicken durchgeht die Runde. Suzi und Lada machen sich auf den Weg und nach kurzer Zeit erkennt man sie nur noch an dem orangefarbenen Shelloverall von Lada. Wir schauen uns an, Frau Kranz hat noch ihre Gummistiefel an, Johann sieht müde aus und Herr Schramm und Frau Mahlke zünden sich eine Zigarette an. Die Zeit vergeht und die Frösche beginnen mit ihrem Morgengesang. Wir warten im Schweigen darauf, dass Lada und Suzi mit einem großen Wagen zurückkommen. Wir heben mit vereinter Kraft Bonifatius an und tragen ihn auf den Wagen. Beim Absetzen hört man ein dumpfes Geräusch. Wir schieben mit vereinter Kraft die Glocke über die Promenade zur Kirche. Der Plan war nicht zu Ende gedacht. Wir bekommen die Glocke nicht durch die Tür der Kirche. Wir sind enttäuscht, Johanns Prüfung hört man immer weiter in die Ferne rücken. Eine Tonfolge ertönt über unseren Köpfen. Wir sind verwirrt, denn zwei der drei Glocken stehen auf der Promenade und die Letzte neben uns und die Tonfolge hat mehr Töne, als unsere drei Glocken überhaupt ertönen lassen können. Johann, Suzi und Lada sind die ersten, die sich aus der Verwirrung aufmachen hoch auf den Glockenturm. Oben stehen wir und sehen wie ein Windstoß ein Glockenspiel ertönen lässt.

(Liena K.)

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