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Bedeutung der Namenspatroninschaft Anna Warburgs im Schulalltag

Die ehemalige W3-Berufliche Schule Niendorf hat sich anlässlich der Zusammenlegung zweier Schulstandorte für eine Umbenennung in Anna-Warburg-Schule entschieden. Sie würdigt somit das Werk einer selbstbewussten jüdischen Pädagogin und Hamburgerin.

Die Umbenennung ist mehr als eine Entscheidung für eine posthume Würdigung einer willkürlich ausgewählten Galionsfigur; sie stellt das Resultat einer Auseinandersetzung mit der Geschichte der Pädagogik, der Geschichte der versuchten Auslöschung jüdischen Lebens in Deutschland sowie eine auf die Zukunft gerichtete Fragestellung dar: wie kann Geschichte belebt werden, wie kann sie lehrreich sein ohne zu erstarren? Wir fragen uns, welche Möglichkeiten die Namenspatenschaft bietet, Erinnerung in lebendige Auseinandersetzung zu überführen.

Die Anna-Warburg-Schule beginnt hierfür in Auseinandersetzung mit den Schülerinnen und Schülern eine eigene Erinnerungskultur zu kreieren, die nicht den Fallstricken von Verengung, Trivialisierung und Ikonisierung unterliegt. Wir stellen heute anlässlich des 130. Geburtstags unserer Namenspatronin unseren Ansatz vor, den wir in zwei Projekten realisieren.

Anna-Warburg-Preis

Mit dem Anna-Warburg-Preis wird jährlich ein besonderes Forschungsprojekt von Schülerinnen und Schülern der Schule ausgelobt. Dieser Wettbewerb wird auf ein jährliches Gegenwartsproblem beziehungsweise ein aktuell kontrovers diskutiertes Thema bezogen. Ausgehend von den reformpädagogischen Ansätzen Anna Warburgs werden die Teilnehmenden aufgefordert zu untersuchen, inwieweit der Grundgedanke Anna Warburgs - Inklusion und Toleranz besonders in frühkindlichen Bildungsprozessen zu leben - auf ein jeweiliges Gegenwartsproblem bezogen und somit erneuert werden kann.

Eine solche tätige Erneuerung richtet sich gegen Ritualisierung und Erstarrung in Klischees; sie schärft die Frage nach der Gültigkeit historischer Denkweisen, liefert einen Beitrag für das Verständnis und die Relativität aktueller Probleme und kann bestenfalls einen Beitrag für eine geschichtssensible Weiterentwicklung der Pädagogik leisten.

Erinnerung als Unterrichtsthema

Als regelmäßiger Baustein des Berufsgymnasiums Pädagogik/ Psychologie wird von SchülerInnen und Lehrern des Abiturjahrgangs aktuell ein Erinnerungsprojekt konzipiert.

In der geschichtspädagogischen Auseinandersetzung über den Mehr-Wert von Erinnerung wird so im Rahmen des Politikunterrichts die fachdidaktische Diskussion nachvollzogen: Aus einer fakten- und institutionenkundlichen Herangehensweise an Geschichte wird der Blick stärker auf die Einzelschicksale gerichtet. Was in den NS-Gedenkstellen wie zum Beispiel dem ehemaligen KZ Neuengamme bereits in Form einer stark an Einzelbiographien orientierenden Konzeption der Ausstellung umgesetzt wurde, wird von den SchülerInnen (museums-)pädagogisch reflektiert und übertragen. An die Stelle der im Geschichtsunterricht noch häufig anzutreffenden Vermittlung von offiziellen Jahreszahlen und Nennung von Opferzahlen rückt zum Beispiel eine Spurensuche im Stadtteil oder eine eigene Recherche zum sozialhistorischen Kontext ausgewählter Persönlichkeiten.

Unsere Erfahrung nach dem ersten Jahr bestätigt bereits, dass eine solche Form der individuell-tätigen Auseinandersetzung mit Geschichte zu einer nachhaltigeren Beschäftigung beitragen kann als eine zwar schockierende, aber kaum Kontext vermittelnde Darstellung der augenfälligsten Monstrosität des NS.

In solch einem Zusammenhang entstand die Idee von Schülern (!) das Leben der Anna Warburg selbst als Teil des Unterrichts nachzuvollziehen, die Bruchstücke zusammenzutragen und durch eigene Literaturrecherchen und Zeitzeugeninterviews zu bereichern. So nehmen wir ihre Person zum Anlass, ein womöglich gebrochenes, aber subjektiv nachvollziehbares Bild zu zeichnen. Entgegen dem vielfach monierten Trend, dass Jugendliche Geschichte bzw. Vergangenheit ablehnen, bringen die Schüler so Erinnerung mit ihrem eigenen Dasein in Verbindung und machen sie lebendig.

Geschichte bekommt Gesicht

Wir kennen Anna Warburg nicht. Wir haben uns auf der Grundlage der übermittelten Erzählungen über sie und der wenigen Veröffentlichungen aus ihrer eigenen Hand nach ihr benannt. Wir nutzen die Namenspatroninschaft um über sie, über ihr Leben und ihre Arbeit, ihre Verfolgung, ihre Neuanfänge und somit über ihre und unsere Geschichte ins Gespräch zu kommen.

Anna-Warburg-Schule, 27.12.2011